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Geschichtle IX


Ich saß an der Längsseite eines rustikalen Holztisches, sie an der Stirnseite. Es war ein typischer "Sechser-Tisch", allerdings nur mit einer Dreibestuhlung. Drei rustikale Stühle an einem rustikalen Tisch - alles hatte vier Beine. Vier waren zwar möglich, aber sechs Sitzgelegenheiten schienen ausgeschlossen. Die mir gegenüberliegende Längsseite des Tisches war an die Hauswand geschoben, irgedwann vor vielen Jahren schon. Die Gepflogenheiten einer Platzordnung nach dem Prinzip "Man ist, wo man sitzt" war nicht nur nicht vorhanden, sondern obendrein anhand der Stellung des Tisches im Raum ausgeschlossen. Dennoch, in meiner Empfindung wäre die von ihr gegenüberliegende Kopfseite eine ideale Arschhocker-mit-Lehne-Fläche, sofern man sich in eine Chefrolle bugsieren wollen würde. Ein Grund dafür ist dem Ausblick aus dem einzigen und gen Osten gelegenen Fenster in jener Kitchenette geschuldet, zumindest am Morgen - am frühen, und nur im kurzen Zeitfenster des Sonnenaufgangs. 

Unsere Lebensspenderin war an diesem Tag schon längst aufgegangen. Die Hunde waren ausgeführt, gefüttert und die nahezu stetigen Energieschwalle einer Endorphin-Hitparade, hervorgerufen durch die Erlebnisse mit den ersten Sonnenstrahlen, waren schon fast abgeebbt. Sie empfingen mich von innen heraus vor zwei Stunden und zuerst, ehe sie zu ihr überschwappten und den Tagesbeginn zwischen zwei Liebenden in berauschendem Sinne übermannten. In einer abgewandelten Art von Reflexion würde ich behaupten wollen, dass dies ein ganz normaler Rhythmus in einen neuen Morgen in unserer Verbindung war, zumindest jedes Mal, wenn sie bei mir übernachtete. Man sollte eben Tage starten wie man sie beendet hatte (sic!).
Sieben Monate vor Weihnachten, der fünfte danach und: das alles war einmal vor sechs Jahren. 

So eingespielt sich das alles anliest, so war es dennoch mit uns nicht so und dauerhaft harmonisch. Ein gesundes Hin und Her der Gefühle, so will ich es mal nennen. Wir waren, um es zuzugeben, überwiegend kein gutes Team, wenn es um Aktivitäten aller Art ging, insbesondere bei den praktischen Mitbringsel. Doch damals, an jenem Tag, spielte die Zeit für mich und vielleicht mit ihr. So war sie tatsächlich einmal mit ihrer täglichen Badhygiene im gleichem Moment fertig geworden, als ich just den Hunden den vollen Napf auf den Boden stellte. Den Zufall auskostend betrachteten wir schweigend mit- und ineinander verschlungen die beiden Vierbeiner; die eine, wie sie genüsslich ihr Mahl verspeiste, die andere, wie sie es förmlich einatmete, schlingend, als ob sie seit Tagen nichts bekommen hätte. Für sie eine Seltenheit, für mich ein gewohntes Bild. Unsere Blicke wichen schnell vom Schauspiel einer Hundezehrung ab und konzentrierten sich auf andere Belange, die sich immer dann boten, wenn wir uns näher kamen. Wir standen uns gegenüber, sahen uns in die Augen, genossen den kurzen Augenblick, bis es so kam, wie es immer geschah. Wir küssten uns leidenschaftlich. Da waren sie wieder - diese uns leitenden Endorphine. Als ich dazu übersetzte ihr eine einzelne Strähne ihrer dunkelbraunen, langen und zum Teil noch feuchten Haare von der Wange zu streichend endete auch dieses Momentum seinen Seinszustand rasch und jäh. "Igitt, deine Hand riecht nach Fleisch!"
Es war ein Sonntag im Mai, der zwanzigste in jenem Monat. Und sonntags war immer "Bratenzeit". Vor Jahren schon fing ich mit jener Gewohnheit an, stets an Wochenenden meine quadrupedischen Freunde ein Festmahl aus der Dose zu zaubern, frei nach bürgerlichen Sitten westlicher Zivilisationen. "Das ist Wild", stammelte ich noch, schon war sie entflohen. Wir beide ernährten uns schon seit Jahren fleischfrei, ich lakto-vegetarisch, sie ovo-laktonisch, und die Tatsache, dass ich zwei Haustiere hielt, die sich nicht an jene Tugenden hielten, war ihr womöglich und gelegentlich zuwider. Nicht dass sie nach solchen Gelegenheiten fragte oder sie herbeibeschwor, nur um mir dann meine Fütterungsgepflogenheiten auf ein Neues vorzuwerfen - nein, so war es nicht. Es war stets der Zufall, der über sie einher fiel und den sie dann auskostete. Ich liebte sie dafür und immer dann noch mehr, wenn sie sich in solche Handlungsstränge verlor. Um meine Sinne mit ihren zu teilen, musste ich jedoch eine praktische Angelegenheit wahrnehmen: Hände waschen, den Geruch des toten Fleisches loswerden - ja, quasi den Anstoß unsere abrupten Trennung auf kurze Zeit hinfort zu spülen. Im Anschluss darauf würde das Momentum weiterhin noch groß genug sein, ja unbedingt vorhanden, um mich in ihre Empörung zu suhlen. Die Qual eines anstrengenden Gespräches nahm ich dabei gerne in Kauf, denn die Belohnung würde sich anfühlen wie erste zarte Sonnenstrahlen, die unbedeckte Körperteile von mir streicheln und liebkosen. Im Zuge der Zeit, und bis sie im Zenit stehen würde - die Sonne? -, überkäme ihre Hitze so geballt über mich, dass ich gar nicht mehr anders könnte, als in ihr aufzugehen. Andererseits muss Hitze bei einer ungünstig hohen Temperatur auch entweichen, denn jeder weiß, wann Wasser kocht. 
Aus dem Bad durch den Flur, mit dem festen Ziel vor Augen die Küche, wo sie sein würde. Meine Vorbereitungen vor dem Hundemahl für ein aufgebrühtes Etwas zog schon Duftschwallen mir entgegen, die durch meine Nasenflüge in mein gesamtes Sein sich einschlichen - und zwar mit jedem Schritt meiner Beine, mit denen ich mich ihr und den Geruchswogen mit einer inneren Weisungsgesinnung näherte. Es gab heißen, schwarzen Kaffee. Damals war mir indes eines noch nicht klar: Es würde die letzte Kaffeetasse werden, die ich mit Kuhmilch auf eine unangemessene, aber erträgliche Trinktemperatur in meine Kehle schlürfend schütten würde. Ich bin zwar grundsätzlich abgeneigt eine Geschmackswahrnehmung durch ein unsittliches Schlürfen beispielsweise zu untermauern, dennoch unterlies ich es nie in ihrer Gegenwart, denn ich wusste, es würde den Momentum ihres Handlungsstranges verlängern, in dem ich sie seinerzeit in aller Vorfreude erwartete. 
Meine Pläne gingen bei ihr oft auf, nicht immer, aber an diesem Tag vor sechs Jahren bestens. Schon nach dem ersten Schluck war das Eis wieder gebrochen und wir züngelten uns durch das Frühstück. Es gab Brötchen, Marmelade und Erdnusscreme zum Kaffee. Als wir beinahe fertig waren - mit was auch immer? -, und sich auf meinem Teller nur noch ein kleiner Happen des Weißmehlerzeugnisses befand, überlegte ich kurz um ein paar Worte willen, die ich sagen wollte. So klar sie mir zuerst ins Gemüt schlugen, haderte ich mit meinen Gedanken auf der Zunge, wollte doch mein Muskelkörper in der Mundhöhle zur Sprachbildung partout keine Silben hervorbilden, um eine Entscheidung aus dem Nichts zu äußern. Ein seltsamer Umstand, trage ich doch oft meine Wortgedanken an jener Stelle. Wäre sie [die Muse] jedenfalls nicht hartnäckig gewesen, würden sie [die Worte] heute noch dort liegen, niemals ausgesprochen und ohne Wirkung. Der letzte Bissen lag jedenfalls eine gefühlte Ewigkeit umringt von Krümeln und anderen Überresten auf dem weißen Porzellanteller, ehe es aus mir herausschoss: "Morgen esse ich das alles nicht mehr!" Im weiteren Diskurs äußerte ich die Vorstellung von einer regional-saisonalen Stillung meines Hungerempfindens.  

Drei Fastentage später bekannte ich Farbe. Meine täglichen Speisen wurden bunter und mit Sicherheit besser. Aus dem Käsebrot-Vegetarier wurde ein Dampf-Veganer. Es war Donnerstag, der 24. Mai 2012, es war vor sechs Jahren fast auf den Tag genau. Die Jährung meiner pflanzlichen Zeit hatte ich, ohne mich darüber zu wundern, in Jahr 2018 verpasst. Diese Zeilen schrieb ich einen Tag später - am 25. Mai (2018 A.O.R.), der ja auch irgendwie in der digitalen Welt eine historische Bedeutung bekommen könnte... -, und veröffentlichte sie zwei danach. Bis dahin trinke ich auf das verflixte siebte Jahr und auf weitere sechs, die folgen können, dürfen, sollen und müssen - im Anbruch der Zeit des veganen Bloggers, der ohnehin weiblichen Musen niemals abgeneigt sein wird, wie auch immer deren Gesinnungen sein mögen. Nichts währt ewig.
Ich mache das Fenster auf und schreie es hinaus in die schlafende Welt, denn irgendein Arsch macht immer Lärm! Warum sollte ich es heute nicht mal sein? This is was the dawning of the age of...


PS#1: Wer mehr über diese Zeit lesen möchte: World Vegan Day (1. Movember, Allerheiligen).
PS#2: Einer meiner meist gelesenen Artikel zum Thema: Dieser Blogger ISST vegan!
PS#3: Mehr Veganes: Award 'Fair zu Tieren' - 'yes, vegan'.
PS#4: Das Badge bekommt man hier: Vegpool.de.
PS#5: Bock auf ne "Wall"? - VeganAtHeart.de!


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