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Die Beraterin - Arbitrium est liberum³

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V-Theorie (Pt. 10e³)
VoRsIcHtbitte die FAQs lesen!
(zum Teil 1a + 1b / 2 / 3 / 4 / 5a / 5b)
"Wenn die Welt ein Dorf mit 100 Einwohnern wäre..." [Z1]

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Lange Einleitung (zu Lasten der Fiktion mainstreambehaftet)
Ja, wenn die Welt ein Dorf mit 100 Einwohnern wäre, gäbe es keine Bedingungssätze, die hypothetisches Denken abverlangten - zumindest nicht diesen.
Ja, wenn die Welt ein Dorf mit 100 Einwohnern wäre, würden sich womöglich die Wenigsten mittels Konjunktiv oder indikativen Sprachelementen übermäßig brüsten.
Ja, wenn die Welt ein Dorf mit 100 Einwohnern wäre, dann käme kaum jemand dem Verlangen konditionale Satzverbindungen jeglicher Art nach.
Ja, wenn die Welt ein Dorf mit 100 Einwohnern wäre, hätte wohl die präpositionale Ausdrucksform ein für alle Mal  ausgedient.
Ja, wenn die Welt ein Dorf mit 100 Einwohnern wäre, wären Schilderungen über irreale Ereignisse, bezogen auf Vergangenheit oder Zukunft, zweifelsfrei überflüssig.

Ja, jenes Fantasiegespinst "Wenn die Welt ein Dorf mit 100 Einwohnern wäre" - eine moderne Sage, ein Mythos mit hoax'ischer Tragweite, eingebettet in den Mauern des InterNetzes -, hantiert schon seit nahezu 20 Jahren mit einem malerischen Gedankenspiel, dass ferner den unerträglichen Beigeschmack gratis mit ausliefert, nämlich mit Antworten aufzufahren, die nicht mal den leisesten Reiz in einem aufflammen, belegbare Quellenforschung im theoretischen Ansatz zu betreiben. Und das ist sicherlich gut so, weil keiner die Annahmen hinterfragen sollte. Diejenige, denen es ein Anliegen ist es wirklich anzugehen, werden es frühzeitig aufgeben. Die Aussagen dahinter sind weder nachvollziehbar noch haltbar, und, pardon, für mich auch teilweise so eindimensioniert und zeitendlich, dass ich nicht Willens bin, auch nur eine davon aufzugreifen. Ich korrigiere mich sogleich: Das letzte der vielen Supposita greife ich in der Tat auf [Wer alle Thesen lesen will, bedient sich (einer) der (drei) Quellen im Anhang ganz am Ende.] - und zwar aus konspirativen Gründen; mein Movens soll der Fiktion alleinig dienen.

Ja, wenn die Welt ein Dorf mit 100 Einwohnern wäre, dann gäbe es nur einen Menschen mit akademischer Ausbildung. So absurd es klingt, es wird uns vermittelt - unter 100 soll nur eine Person mit Universitätsabschluss sein. Und ja, wir wollen es glauben. Vielmehr: Nein, wir wissen davon. Oder noch besser: Diese unumstößliche Wahrheit ist der zentrale Inbegriff unseres Seins.
Die Fiktion soll für alle, die sich darauf einlassen wollen, hiermit freigegeben sein.


Kurzer Prolog (semi-identische Züge wie im Teil 1a1bTeil 2Teil 3Teil 4Teil 5a und 5b)
Es bedarf keinem Antonym zum Wort Fiktion - die Realität hat ausgedient! Soll dennoch ein Wort herhalten müssen, dann schlage ich "Faktion" vor, denn da gibt es keine (sprachlichen) Wechselwirkungen. Leider war das kein Vorschlag, sondern eine Weisung. Wenn eine radikale Beraterin für Staatsfrauen (gelegentlich auch für Staatsmänner), die ich bin, desgleichen von sich gibt, dann ist dies widerspruchslos hinzunehmen. Ich schlage Dinge vor, damit sie umgesetzt werden. Besuche schlage ich dagegen keinesfalls aus, sofern man mich besucht, wenn ich geladen habe.
Wie mein männliches Pendant, "Der Berater", sehe auch ich - "Die Beraterin", abgekürzt  DB -, meine Gesprächspartner als Verwalter an. Verwalter, die (sächlich) - abgekürzt: DV.
Die nachfolgend einträgliche Konsultation enthält partiell elitär-süffisante Untertöne. Abbitten leiste ich nicht, und Honorierungen ignosziere ich.

DB: Mission: AEI³!
DV: Was!?
DB: Arbitrium est liberum³ - wir sind wieder da.
DV: Du warst niemals fort.
DB: Korrekt, aber wir. 
DV: Wir beide waren immer hier. Mein Zeitempfinden hat sich zwar schon seit einer gefühlten Ewigkeit verabschiedet, aber mein Ortsempfinden ist weiterhin vorhanden.
DB: Ich konkretisiere: Wir waren gespalten.
DV: Wir beide?
DB: Wir drei.
(DB erhebt sich auf ihre Beine und bietet DV eine helfende Hand an, um ihr gleichzutun. DV nimmt die Aufforderung an und lässt sich von DB nach oben ziehen.)
DB: Du bist leichter als du aussiehst. Und jetzt komm, lass uns zum Teich gehen.
DV: Verarsche mich nicht. Ich mache das alles für Milutin.
DB: Du meinst eher für deine Lebenspartnerin.
DV: Wechseln wir bitte das Thema.
DB: Gerne, über was willst du reden?
DV: Schon vergessen: Du erzählst, ich höre zu.
DB: Dann wäre ich dafür, dass wir wieder in die adaptiven Testverfahren einsteigen, und was man mit denen praktisch bewirken kann, um die gesamte Population im Ereignishorizont von ihrer anthropozänen Endzeit, ihrem Untergang, zu retten.
DV: Soll mir recht sein, aber darf ich mal mit einem rein organisatorischen Anliegen dazwischengrätschen?
DB: Sprich, was liegt an?
DV: Nun, da sind zwei offensichtliche Dinge: a) wieder Huckepack und b) wie kommen wir aus deinem faradayschen Käfig heraus?
DB: A) ist nicht mehr nötig, es sei denn du willst nicht laufen und ich soll dich tragen.
DV: Haha! Das will ich sehen! Du? Mich? Tragen? Das ist nicht lache.
DB: Du läufst also.
DV: Ja. Weswegen auch immer die Huckepack-Sache jetzt nicht mehr nötig ist. Ich frage nicht.
DB: Gut.
DV: Ich frage natürlich.
DB: Und was?
DV: Warum ich dich nicht mehr tragen muss, das frage ich. Bist du sicher, dass es dir wieder gut geht? Ich meine, körperlich sehe ich ja immer noch die geile Politikerberaterin vor mir, in ihrem enganliegenden Schlamp...
DB: Uns geht es hervorragend. Auch geistig, wenn du das meintest.
DV: Na dann. Und wie wäre jetzt deine Antwort, und bitte eine, die auch ich problemlos verstehe?
DB: Es geht von den Bewohnern des Gartens keine Gefahr mehr aus.
DV: Welchen Bewohnern bitte? Hier lebt doch niemand, oder etwa doch?
DB: Es gibt zwar keine Säugetiere und keine Vögel, aber es gibt Reptilien, Fische und Insekten.
DV: Aha. Und die sind eine Gefahr?
DB: Waren. Jetzt haben sie dich akzeptiert.
DV: Und vor diesem "akzeptieren" hätten sie mich umgebracht, oder was?
DB: Nein, hier stirbt keiner.
DV: Ich erinnere mich deiner Worte. Sprich schon, was hätten die Viecher mit mir gemacht?
DB: Dich gereinigt.
DV: Gereinigt?? Wie darf ich das verstehen?
DB: Lasse es mir dir anschaulich erklären. Fürs Grobe sind die Reptilien da, den Feinschliff machen die Insekten und die Fische sorgen letztendlich für die Politur.
(DV schaut DB mit offenem Mund an, und will nicht recht glauben, was sie soeben vernommen hat.) 
DB: Das Problem beziehungsweise dein Problem wäre gewesen, dass sie es tun ohne nachzufragen. Das hätte dich vielleicht verschreckt und gar angeekelt.
DV: Und dann wären sie beleidigt gewesen, mitunter sauer, und hätten mich lebendig verspeist.
DB: Nein. Weder Reptilien, Insekten noch Fische sind zu solchen Gefühlsausbrüchen befähigt.
(DV schließt mit Daumen und Zeigefinger wieder ihre, bis dato schauspielerisch-inszeniert, offen stehenden Mundlippen zusammen, um sich danach mit dem Zeigefinger dreimal auf die Stirn zu tippen.)
DV: Alles klar. Warum habe ich nur gefragt?
DB: Ist damit die Frage zu deiner Zufriedenheit beantwortet?
DV: Nein, aber es genügt mir zu wissen, dass ich von "Reinigungsaktionen" wohl verschont bleibe. Ich hätte da allerdings doch noch eine Frage, auch wenn ich es schon bereue, sie zu stellen. Ach was soll's: Verrate mir, wieso gibt es keine Vögel oder andere Säuger?
DB: Ich wünschte, du könntest Laika fragen. Erinnerst du dich daran, als ich dir erzählte, weswegen die Hündin starb?
DV: Wegen der Zeitdilatation?
DB: Auch das, ja. Aber vor allem wegen der enormen Stimulation ihres präfrontalen Kortexes. Laika und alle anderen Säuger, haben, wie du und ich, mehr als nur "Nefesch" - den Leib als oder zum Leben. Hingegen haben Fische, Reptilien und Insekten lediglich "Nefesch".
DV: Ist es nötig, diesen jüdischen Begriff zu benutzen?
DB: Ich verwende alle Wörter, die dir geläufig sind. Und...
DV: Ist schon gut, bleibt dabei. Sag mir lieber, was wir noch haben, also außer diesem Körper?
DB: Alle Säuger und Vögel haben "Neschama", eine vom Körper unabhängige, nicht-materielle Substanz.
DV: Die Seele?
DB: Nein. Der hebräische Begriff für die unsterbliche Seele, wenn du es von mir wissen willst, wäre "Ruach", der Geist. Es gibt ein bekanntes Akronym für diese Dreigeteilt-/Einigkeit: "Naran". Und "Naran" haben nur die Menschen.
DV: Und deine Doktrin duldet keine Ausnahmen.
DB: Es gibt Exzeptionen, schon, aber es sind eher Einzel- oder Sonderfälle. Um darüber zu reden oder zu philosophieren, genügt der Weg zum Teich nicht, er ist zu kurz.
DV: Okay, halten wir fest: Hat man Nefesch und Neschama - und kein Ruach - kann man sterben.
DB: Nein, dann bist du in Gefahr, du stirbst aber nicht. Hier stirbt niemand. Laika ist auch nicht hier gestorben. Sie hat den Übergang von der Blase in die "Normalzeit" nicht verkraftet. Und nicht ihr Nefesch an sich, sondern ihr Neschama. Es verhält sich in etwa folgendermaßen: Wenn sich Neschama von Nefesch vor dessen Tod löst, und man kein Ruach hat, dann ist das für Nefesch tödlich. Neschema dagegen "überlebt", losgelöst von Nefesch.
DV: Ich glaube, ich werde es nicht verstehen.
DB: Ein letzter Versuch dazu, dann lass uns aber losgehen. Der besagte Blogger, der hier ab und an erscheint, verglich einst Neschema, ohne den Begriff zu nennen, plakativ-verständlich mit den mythologischen Wesenheiten, die ihr Schutzengel nennt. Jetzt frage ich dich: Wenn du ein Leibwächter bist, und die Person, die zu schützen es gilt, stirbt, hast du dann noch einen Job?
DV: Sein Vergleich ist okay, deine rhetorische Zuspitzung war indes so schlecht, dass ich es zwar verstand, aber es mich - offen gesagt - noch mehr verwirrte. Erkläre mir lieber, bevor wir gehen, was jetzt mit deinem Faradaykäfig ist. Wie kommen wir da nun raus?
DB: Der Käfig war ich, also mein Neschama und Ruach. Verstehst du nun, warum ich die Begriffe wählte?
DV: Moment. Heißt das, dass du nur Nefesch warst, nur Körper, als du in meinem Schoß lagst?
DB: Ja, und ich bin eine solche Trennung nicht gewohnt. Mein Ruach löst sich nie von Nefesch und Neschama. Auch folge ich nicht meinem Ruach, wie es der Blogger tut, wenn Nefesch schläft.
(DV überlegt kurz und angestrengt.) 
DV: Er kann also mehr als du. 
DB: Ähm, na ja.
DV: Ha!! Touché!
DB: Du bekommst keine Widerworte, ich lasse dir deinen vermeintlichen Sieg.
DV: Weißt du, wenn ich es recht überlege: So langsam überkommt mich das Verlangen, ihn doch mal kennenzulernen.
(DB geht auf DV zu und küsst sie leidenschaftlich.)
DB: Mach mich nicht eifersüchtig.
DV: Wir sind kein Paar. Und ich bin in festen Händen...
DB: ... in weiblichen, was mich in keinster Weise stört. Du kannst so viele Frauen haben neben mir, wie du willst. Begehrst du jedoch einen Mann, dann kommen in mir schon Zweifel an deiner Gesinnung auf. 
DV: Oho. Interessante Töne. Du sorgst dich um mein geistiges Wohl. Das ist aber süß.
(DV küsst DB erst zärtlich, dann leidenschaftlich.)
DV: Da kommt mir was in den Sinn, und sei bitte ganz ehrlich zu mir: Du hast das mit der Urophilie-Neigung von Milutin nicht etwa erfunden, damit ich ihn unattraktiv finde - oder hast du etwa doch? Bitte sag "Ja".
DB: Leider bin ich nicht so gerissen.
DV: Welch eine Schande, ich meine wie schade.
DB: Hör auf damit. Lass uns lieber gehen.
DV: Du, ja du, bist eifersüchtig auf Männer. Und sie können was, was du nicht kannst!
DB: Oh ja, sie können was, was ich nicht mache, weil es nicht nötig ist.
DV: Was auch immer, lass uns zum Teich gehen. Ich will mein Spiegelbild endlich sehen. Und außerdem: Ich habe Hunger auf Fisch.
DB: Du bekommst eine Schale.
DV: Keinen Fisch!? Aber warum nicht? Die haben doch kein Neschama.
DB: "Nefesch chaja", lebende Wesen, gibt es nur in Notzeiten.
DV: Ich bin ausgehungert. Das ist eine Notzeit.
DB: Du bekommst zwei Schalen.
DV: Drei?
DB: In Ordnung. Es ist dein Nefesch.

--- Schnitt ---

DB: "Ganz allein die haben Muße, die ihre Zeit der Philosophie widmen."[Z2]
DV: Hör mir auf mit Seneca. Der römische Stoizismus war noch schlimmer als der griechische. 
DB: "Sie alleine leben."[Z2]
(DV bleibt stehen.)
DV: Und wie sie gelebt haben und es immer noch tun in ihren Werken, diese päderastischen Schenkelverehrer!
DB: Vermische nicht die Formen - interfemur und intercrus. "Denn nicht nur auf ihre eigene Lebenszeit haben sie wohl Acht, sondern sie schlagen ihr noch die ganze Ewigkeit hinzu."[Z2]
DV: Ich hoffe zutiefst, dass es keine Pflichtlektüre mehr in der Oberstufe oder gar im Studium ist.
DB: Wieso sollte man den Namen - Gymnasium, griechisch γυμνός gymnós, nackt - nicht die Ehre machen? "Alle Jahre, die vergingen, bevor sie auf die Welt kamen, gehören ihnen."[Z2]
DV: Höre bitte auf aus der De brevitate vitae zu zitieren. Es macht mich ärgerlich. 
DB: Woher rührt dein Brass, der dich sogar die Schalen vergessen lässt, die auf dich warten, wenn wir am Wasser angekommen sind? Liegt er auf der Lehre, dem vermittelten Stoff an sich oder beruht er gar auf ganz anderen, deinen eigenen Grundfesten?
DV: Letzterem, leider. Und es schmerzt mich, dass es nicht flächendeckend thematisiert wird, als das was es in meinen Augen ist: Ein Siegeszug griechisch-antiker Erfindung männlicher Pädophilie in das wenig kaiserlich wirkende Rom. Ein dekadenter Sündenpfuhl, freigeschaufelt durch Neros Mentor Seneca.  
DB: Verdient deine Anschuldigung nicht ein wenig mehr Detailverspieltheit? War das Milieu nicht schon mit Claudius und vor allem dessen Vorgängerkaiser, Caligula, arg heruntergekommen? Machte der nicht aus der Not eine Tugend, und stellte Prostitution unter den Fiskus?
DV: Du kannst es ausschmücken wie du willst, ändern tut es nichts.
DB: Na, ich weiß nicht so recht, mir fehlt bei deiner These irgendwie der feministische Anstrich, ein Unterton, der zumindest die Mutter Neros, Agrippina, und deren Geschicke lobend erwähnt. 
DV: Sicherlich, ohne ihr Zutun wäre Seneca wohl nicht aus der Verbannung von Korsika gekommen, um letztendlich Neros "Mentor" zu werden - oder wie ich es eher hellenisch-angehaucht zu nennen pflege: als dessen Erastes.
DB: Verstehe ich deine Anspielung richtig?
DV: Sie war unmissverständlich. Ein Erastes hat einen Eromenus - und das war für Seneca der kleine Nero.
DB: Ich wollte nur nachfragen. Aber lass uns lieber das hintergründlich Weibliche vertiefen: Wenn du Seneca so hasst, wirst du wohl auch wissen, dass seine Mutter Hèlvia ihn dazu überhaupt anspornte eher philosophisch tätig zu werden. Sie war es, die ihm den Weg zum Stoizismus überhaupt eröffnete. Wäre es nach seinem ehrgeizigen Vater gegangen, hätte er nie Philosophie studiert. 
DV: Tut mir leid, dass ich keine Feministin bin.   
DB: Das braucht es nicht. Du musst nur die Geschichte kennen. Er ging in dem stoischen Leben so sehr auf, dass ihm das beinahe das Leben gekostet hätte. Der Vater schritt ein und schickte ihn zu seinem Onkel beziehungsweise eher zu seiner Tante, der Schwester von Hèlvia, die ihn gesund pflegte. Ein glücklicher Zufall, dass deren Mann, Galerius, in Ägypten Statthalter war.
(DV setzt ihren Weg fort.)  
DB: Halten wir kurz fest: Ohne Frauen kein Seneca. Der Rest ist deine Interpretation. Ich dagegen mag ihn aufgrund der ihm zugetanen Prägung durch die weiblichen Mitglieder seiner Familie.
DV: Wir ändern trotzdem das Thema. Du kannst mich nicht binnen weniger Sekunden überzeugen. Daher sprich, was du zu sagen hast, über dein adaptives Intelligenzzeugs, vom dem du mir unlängst erzählen wolltest.   
DB: Wir sind schon Mitten im Thema, meine Liebe. Meinst du nicht, dass dieses, von dir angeschnittene, homoerotische Geflecht einer päderastischen Verbindung zwischen einem Erastes und seinem Eromenus, nicht andere, und zwar wesentlich tiefgreifendere Hintergründe in der Polis hatte? Denke mal ganz rational darüber nach.
DV: Das kann ich nicht. Und mir überkommt das Gefühl, dass du es schön reden willst, und dabei die Abartigkeit und den Widersinn bagatellisierst. Es ist und bleibt für mich was es war: Ein betriebenes Spiel der Oberschicht unter dem Deckmantel der gesetzlichen Legitimation. 
DB: Meine Liebe, das war keine Bitte. Lege deine Aversion ab, sinne einen Moment emotionslos darüber. Lass mich dir auf die Sprünge helfen, damit du es nachvollziehen kannst: Was wird es gewesen sein, was sich eine urbane Gesellschaft der damaligen Zeit auf keinen Fall hätte leisten können? 
DV: Ich weiß es nicht, aber ich weiß was sie sich offensichtlich leisten konnten: Männer mit traumatischen Erlebnissen in deren Jugend, ergo geisteskranke Erwachsene, die ihre unzüchtige Lebensart von Generation zu Generation fortsetzten.
DB: Übertrage deine moralischen Vorstellungen, und die deiner Zeit, nicht auf das Vergangene. Es wird nicht funktionieren.   
(DV, die ein paar Meter vor DB ging, bleibt erneut auf der Stelle stehen, und dreht sich zu DB um.)
DV: Jetzt klingst du wie mein Dozent an der Uni. Und ich verrate dir eines: Er hatte keinen Lehrerfolg bei mir. Und wenn du nicht sofort damit aufhörst, vergeht mir jeder Appetit.  
DB: Es tut mir leid, meine Liebe. Ich wusste nicht, wie tief dir das geht. Verzeihe mir und meiner Beharrlichkeit.  
DV: Habe ich richtig gehört!? Du, ja du, bittest mich - mich - um Verzeihung? Das sind ja ganz neue Töne. Dafür hast du was verdient. Komm her und küss mich! Hernach überlege ich mir eine milde Strafe.  
(DB tut so. Auf den zuerst verhaltenen Kuss entfacht sich die abermalige Leidenschaft über das gleichgeschlechtliche Paar. Ein szenisches Bild für jeden Fotoschisten. Umschlungen stehen die Frauen vor einer malerischen Kulisse. Eine Reihe von Zirbelkiefern unmittelbar hinter ihnen lassen den Betrachter nur erahnen, was sich jenseits dessen offenbaren könnte.)
DB: Wenn es mir gelingen sollte, dich von hier bis zum Gewässer zu tragen, bin ich dann freigesprochen?
DV: Niemals würde ich dich so sehr tadeln wollen, zumal ich es weiterhin für ausgeschlossen halte, dass es dir gelingen wird.  
DB: Der Weg ist nicht mehr weit. Blick dich um. Nach diesen Bäumen erwartet uns das ersehnte.
DV: Und wenn es nur noch zwei Meter bis dorthin wären, du bekämst mich nie vom Boden. Spring auf meine Arme, lass mich dich, die für schuldig Befundene, die letzte Etappe klassisch auf meinen Händen tragen.  
DB: Mehr Buße für die Muse.    
DV: Mehr Muse für die Buße. Wenn die Philosophie nur einen Nutzen hat, dann soll es der sein.
DB: Gewappnet fügt man sich dem Schicksal. 
DV: Verrate mir nur noch eines: Was war es, was sich die Polis nicht leisten konnte?
DB: Zu Zeiten, als die Triebhaftigkeit des Mannes überhandnahm, war es oberste Pflicht dem Einhalt zu gewähren. 
DV: Du meinst, sie taten so, um die Bevölkerung in ihrem Wachstum einzudämmen?    
DB: Zu Zeiten ohne Präservative war es ein notwendiges Element...
DV: ... um der Gefahr lokaler Übervölkerung zu trotzen.   
DB: Eine Apoikie muss autark sein, denn nur so kann sie Bestand haben. 
DV: Ich muss fragen: Kann sich dein Garten eine Esserin wie mich überhaupt leisten? 
DB: Zweifelsohne.
DV: Und wie viele meinesgleichen genau? Sag es mir, ich will es wissen. 
DB: Die Zahl an Ruach ist begrenzt auf eine Million. 
DV: Ich meinte nicht Seelen, sondern Leiber. Wie viele kann dein Garten ernähren?
DB: 100 Menschen.
DV: Und wenn alle einen solchen Appetit hätten wie ich?
DB: Es ist nicht eine Frage der Nutrition. Die Pflanzen würden sich den Wünschen und Bedürfnissen, in Qualität und Quantität anpassen. Die Begrenzung besteht darin, dass mit jedem weiteren menschlichen Organismus die ökologische Tragfähigkeit dieses Biotops nachhaltig geschadet werden würde, was eine Existenz auf Dauer unmöglich macht.  
DV: Für mich heißt das praktisch, ich könnte auch 100 Schalen haben.
DB: Genau da fängt es an: Ich habe keine 100 Gefäße. Wollte ich so viele haben, zum Beispiel aus Holz, dann müsste ich eine dieser Zirbelkiefern fällen. 
DV: Okay, jetzt habe ich es verstanden. Drei Schalen genügen mir.
DB: Du bekommst noch eine Patella dazu, einverstanden?
DV: Patella...? Waren das nicht die sakralen Opferschalen zu kaiserlich-römischen Zeiten?
DB: Ein Geschenk von Hèlvia. 
DV: Hèlvia war hier?
DB: Ja natürlich.
DV: Warte, lass mich mal kurz eins und eins zusammenzählen...
DB: Meine Liebe, ich überlasse es der Stille deiner Phantasie. Und wenn du jetzt bereit bist, denn ich bin es schon lange, dann hebe mich empor, trage mich zum Wasser des Lebens. Trage mich zu Uisge Beatha.
DV: Uisge Beatha? Ist das nicht der irische Begriff für Whisky?
DB: Uisce Beatha ist irisch. Uisge Beatha dagegen kommt aus dem Gälischen.
DV: Du bist mir ja eine eigenwillige Namensgeberin, aber sei's drum. Komm an meine Brust. Lass uns ziehen zu deinem Aqua Vitae, Verzeihung, zu deinem gälischen "Whisky".
DB: Es ist mir eine Ehre, meine Liebe.


Epilog
Wenn es eines gibt, was man lesen sollte, dann diesen Epilog. Ich schreibe nichts, ich zitiere nur, auch wenn es nicht ganz ins Bild passen dürfte, ich nehme es mir heraus, dem Niveau wegen:
"Was lebt, ist unvertilgbar, bleibt in seiner tiefsten Knechtsform frei, bleibt Eins und wenn du es scheidest bis auf den Grund, bleibt unverwundet und wenn du bis ins Mark es zerschlägst und sein Wesen entfliegt dir siegend unter den Händen."[Z3]


- (Teil-)Ende der fiktionalen Szene -


___
[Z1] Autor unbekannt. Beispielhafte Internetquellen:
(1) Morgenpost. Die ganze Welt in einem Dorf, 24.12.2006. URL https://www.morgenpost.de/printarchiv/panorama/article102987487/Die-ganze-Welt-in-einem-Dorf.html [18.02.2020].
(2)  NaturFreundIn Ausgabe 2-2012, Seite 3. Die Welt der 100 Menschen. URL https://digital.zlb.de/viewer/fulltext/15948338_2012_2/1/ [18.02.2020]. 
(3) SeeGespräche. Wie man die Welt auch sehen kann - Dezimierung auf 100 Menschen. YouTube. 19.01.2018. URL https://www.youtube.com/watch?v=_2siEDLyl6A [18.02.2020].
[Z2] Seneca. De brevitate vitae (Von der Kürze des Lebens). Kapitel 14, Seite 32. Online-Lesequelle: https://epdf.pub/die-krze-des-lebens-de-brevitate-vitae.html [21.02.2020].
[Z3]  Friedrich Hölderlin.  Hyperion oder der Eremit in Griechenland, Band 2. Seite 91. Übersetzung: Gerhard Fink (Hrsg.). 2003 Patmos-Verlag. ISBN 3-7608-1375-5. Online-Quelle: http://www.zeno.org/Literatur/M/Hölderlin,+Friedrich/Roman/Hyperion+oder+der+Eremit+in+Griechenland/Zweiter+Band/Zweites+Buch [21.02.2020].


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